Matthäus

Ein Fest dieser Woche – 21. September

Der Zöllner Matthäus von damals war wie jene Manager von heute, denen aufgrund ihrer korrupten und kriminellen Machenschaften unverhohlene Verachtung entgegengebracht wird. Menschen, die sie vorher hofierten, wollen jetzt unter keinen Umständen mehr etwas mit ihnen zu tun haben.

 

Der Zöllner Matthäus ist einer, der Bestandteil eines gut funktionierenden Systems ist und dadurch jede Menge Dreck am Stecken hat: Lukrative Geschäfte mit den Römern inklusive private Bereicherung zu Lasten des kleinen Mannes. Matthäus ist einer, mit dem man nicht an einem Tisch sitzen möchte, den man schon gar nicht zu seinem Freundeskreis zählen kann.

 

Matthäus, der Zöllner ist einer, für den man schlichtweg nur Verachtung übrig hat. Das galt für alle anständigen Leute. Nur nicht für Jesus. Der feiert ein Fest mit ihm.

 

Billigt Jesus nicht dadurch das Tun eines solchen Menschen? Genau das ist der Vorwurf, den ihm die frommen Pharisäer machen: „Er ist ein Freund der Zöllner und Sünder!“ sagen sie, also ein Freund der Korrupten und Schmiergeldempfänger, ein Freund der Schrägen, ein Freund der Kaputten. Wie kann er nur mit ihnen zusammen am Tisch liegen, sich überhaupt mit ihnen einlassen? Ein Skandal!

Die Erzählung von der Berufung des Matthäus zeigt etwas Hochbrisantes: Diesen Menschen verweigert Jesus nicht seine Gegenwart. Denn es geht ihm um den Menschen. Jesus unterscheidet zwischen „Mensch“ und seiner „Tat“, zwischen Sünder und Sünde. Im Hinblick auf andere Menschen ist dies eine unerträgliche Zumutung! Und wie ist es, wenn wir dies im Hinblick auf uns selbst betrachten? Ist es nicht gut, dass Jesus auch bei mir unterscheidet? Zwischen dem, was ich als Mensch bin, und dem, was meine Gedanken, Worte und Taten sind?

 

Erbarmen will ich und nicht Opfer – zitiert er das Alte Testament und sagt weiter: Denn nicht bin ich gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. Jesus sieht die Person hinter der Tat. Gott sei Dank! Jesus sagt diesen Zöllnern, diesen Sündern, dir und mir: Folge mir nach! Wer aufgerichtet wird, der bekommt die Kraft dazu, sich von Fehlern zu distanzieren.

 

In der römischen Kirche San Luigi dei Francesi unweit der Piazza Navona findet sich die sehr bedeutende Darstellung der Berufung des Matthäus, ins Licht gesetzt durch Caravaggio. In einer finsteren Kneipe wird der Zöllner von einem Lichtstrahl getroffen. Dieses „Licht“ will jeden von uns treffen.

 

***

 

Das Tagesevangelium: Mt 9,9–13

 

9 Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen am Zollgebäude sitzen, Matthäus mit Namen. Und er sagt zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm. 10 Und es geschah, als er im Hause zu Tische lag, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen mit Jesus und seinen Jüngern zu Tisch. 11 Und als es die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern? 12 Jesus aber, als er dies hörte, sagte: Nicht die Starken haben einen Arzt nötig, sondern die, denen es schlecht geht. 13 Geht aber hin und lernt, was es heißt: Erbarmen will ich und nicht Opfer. Denn nicht bin ich gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

 

 

Mit der Charakterisierung dieses Mannes als Zöllner werden die Gegner Jesu, die Pharisäer, noch schärfer profiliert. Die Zöllner damals sind weder den Finanz- noch den Zollbeamten der heutigen Zeit vergleichbar. Sie waren Geschäftsleute. Sie befassten sich mit dem Eintreiben der indirekten Abgaben, der Zölle, die nicht nur für Waren erhoben wurden, sondern auch für die Nutzung aller möglichen Wege und Straßen, für den Transitverkehr und für das mitgeführte Gepäck.

Jeder Zollbezirk wurde von einem Zollgeschäftsmann gepachtet. Diese Erstpächter verpachteten ihrerseits die einzelnen Zollstellen ihres Bezirkes an die sogenannten Zöllner. Um nicht nur ihre Pacht zahlen zu können, sondern auch selbst noch ein Plus dazu zu verdienen, arbeiteten diese Zöllner mit allen Mitteln. Wegen häufiger Betrügereien und Erpressungsversuchen, wegen ihrer großen Härte und ihres Kollaborierens mit den Römern, aber auch wegen ihres ständigen Grenzkontaktes mit den Heiden wurden sie als Sünder verachtet und galten als moralisch und kultisch „unrein“.

Vor diesem Hintergrund wird die Berufung dieses Zöllners durch Jesus noch brisanter. Die Erzählung zeigt, dass der Zöllner Matthäus in den Kreis der zwölf Schüler Jesu berufen wurde, und zwar ohne irgendwelche Vorbedingung erfüllen zu müssen. Dass dies so ist, hat mit der Haltung Gottes und folglich mit der Haltung Jesu zu tun: Nicht nötig haben die Starken einen Arzt, sondern die, denen es schlecht geht. Geht aber hin und lernt, was es heißt: Erbarmen will ich und nicht Opfer. Denn nicht kam ich, Gerechte zu rufen, sondern Sünder (V. 12f.)