Impuls der Woche

Maria von Magdala ist eine biblische Heilige, aber auch eine Heilige der noch ungeteilten Christenheit, die von Orthodoxen, Katholiken und Protestanten verehrt wird. Denn sie steht für das Wagnis eines christlichen Aufbruchs in einer nach-christlichen Zeit. Sie lehrt Christen durch alle Jahrhunderte, dass Ostern Zukunft enthält.

Die Evangelien zeichnen kein vollständiges Portrait von ihr, nur Mosaiksteine. Diese aber lassen das Bild einer interessanten und bedeutenden Frau des Urchristentums entstehen.

Maria von Magdala, aus der nach Lk 8,2 sieben Dämonen ausgefahren sind, ist nicht zu verwechseln mit „Maria von Betanien“, der Schwester von Martha und Lazarus (Joh 12; Lk 10,38-42), oder mit der „stadtbekannten Sünderin“, die im Haus des Pharisäers Simon bei einem Gastmahl von hinten an Jesus heranschleicht, seine Füße mit ihren Tränen benetzt, sie mit ihren Haaren trocknet und sie mit Öl salbt (Lk 7,36-50).

Sie ist eine namhafte Frau. Denn sie wird nicht wie andere Frauen über Männer definiert – etwa „die Frau des …“ oder „die Mutter des …“. Identifiziert wird sie vielmehr mit dem aramäischen Namen ihrer Heimat Magdala („Turm“, „Feste“) – einer Stadt mit jüdischer Bevölkerung, die etwa 5 km nördlich von Tiberias liegt, und von deren Wohlstand noch heute Funde bezeugen. Diese Identifizierungsart profiliert eine selbstständige Frau, die auch in der Nachfolge Jesu selbstbestimmt handeln wird.

Sie hat etwas zu sagen. Sie steht am Ostertag den Engeln im Grab Rede und Antwort, sie spricht voll Autorität mit dem vermeintlichen Gärtner, sie spricht mit dem Auferstandenen, und verkündet jenen, die das Zeichen des geöffneten und leeren Grabes nicht zu deuten wussten, das Osterevangelium. Maria Magdalena hat etwas zu sagen, und sie sagt, was es zu sagen gibt.

Ihr Schweigen ist laute Rede. Sie steht an der Spitze der Frauen, die trotz eigener Gefährdung beim sterbenden Jesus ausharren und mit diesem stillen Protest ihre Solidarität bekunden. Die schweigende Magdalena setzt in jener Stunde – einfach durch ihr Dabei-Stehen – die Mächtigen ins Unrecht.

Sie ist eine Frau, die sich erinnert. Maria Magdalena geht mit den anderen Frauen zum Grab. Sie gedenken des Toten. Wo Trauer mit Erinnerung verbunden ist, wird Weiterleben für die Hinterbliebenen möglich. Denn die Erinnerung an Leid, Qual, Schmerz und Tod enthält auch die Zusage des Lebens.

Alle Namenlisten der Evangelien setzten Maria von Magdala und Simon Petrus an die erste Stelle. Maria Magdalena führt die Frauenlisten an (Mk 15,40f.47; 16,1; Mt 27,55f.61; 28,1; Lk 8,2f.; 24,10), Simon Petrus die Männerlisten. Dies hat mit ihrer Rolle an Ostern zu tun: beide haben als jeweils erste „den Herrn gesehen“ und auf dieser Basis die Sammlung der übrigen Jünger und Jüngerinnen vorangetrieben. Die Ersterscheinung vor Simon Petrus wird im Lukasevangelium als die eigentliche Initialzündung verstanden, die den Osterglauben der anderen Jünger begründet (Lk 24,34), so dass die Ersterscheinung vor Maria Magdalena unter den Tisch fällt. Eben dieser Platz aber, den Maria Magdalena an Ostern vom Auferstandenen bekommen hat, darf keineswegs übersehen, geschweige denn vergessen werden (Mk 16,1f.6f.; Mt 28,9; Joh 20,1-18)! Denn die Ersterscheinung vor Maria Magdalena ist der weibliche Anteil an der Gestalt der Kirchenwerdung.

Maria aus Magdala ist nicht in ihrer Heimat geblieben. Sie bricht auf, geht fort, geht mit. Als Schülerin folgt sie dem Ruf ihres Meisters Jesus in die Nachfolge und begleitet ihn bis ans Ende seines Weges. Als Osterzeugin bleibt sie am Ostertag nicht im Garten, um die eben erlebte Begegnung mit dem Auferstandenen auszukosten, sondern macht sich auf den Weg, den Jesus ihr gewiesen hat: hin zu den anderen Jüngern und Jüngerinnen, als Künderin des neuen Lebens. Sie wagt den Schritt ins Unbekannte. Die Magdalena steht für Aufbruch, für Innovation, für die Bereitschaft, auf ein unbekanntes Ziel zuzugehen.

Wenn man solche Mosaiksteinchen zu einem Gesamtbild der Maria Magdalena zusammenfügt, darf man den nächsten Schritt wagen und nach ihrer Bedeutung für die Gegenwart fragen. Ist sie eine Gestalt, die mein Christsein inspirieren kann?

Hector Sanchez

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