Kreuzerhöhung –

ein österlicher Rückblick auf das Geschehen des Karfreitags

 Ein Fest dieser Woche – 14. September

In Tokio stromert ein kleiner Junge frierend und bettelnd durch die Strassen. Er spricht einen Mann an und bittet um eine Gabe. Der nennt ihm eine Adresse, beschreibt ihm das Haus und sagt: Wenn man dir öffnet, sagst du: Johannes drei, Vers sechzehn. Der Junge wundert sich, aber rennt los.

Unterwegs murmelt er vor sich hin: Johannes drei, Vers sechzehn. Er findet die Strasse und das Haus, klopft an, und auf die Frage, was er wünscht, sagt er: Johannes drei, Vers sechzehn. Der Junge wird hereingebeten, bekommt ein warmes Bad, neue Kleidung und ein gutes Essen.

 

Als der Junge überglücklich das Haus verlässt, denkt er noch immer an die wunderbare Parole: Johannes drei, Vers sechzehn. In Gedanken versunken rennt er auf die Strasse und wird von einem Auto angefahren. Bewusstlos wird er ins Unfallkrankenhaus gebracht. Die Ärzte und Schwestern kämpfen um sein Leben. Er sagt nur immer wieder: Johannes drei, Vers sechzehn. Schließlich geben die Ärzte auf. Eine Schwester schreibt auf die Tafel über seinem Bett: Name: Johannes drei, Vers sechzehn.

 

Hinter der Formel Johannes drei, Vers sechzehn steht das Wort: So ja hat Gott die Welt geliebt, dass er den einziggeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Im Gespräch mit Nikodemus erörtert Jesus, worin der Glaube an ihn besteht. Man muss den Menschensohn am Kreuz „erhöht“ sehen (Joh 3,14), um ihn in seiner Herrlichkeit „erhöht“ zu erkennen. Denn das Heil der Welt ist an das Geschenk gebunden, das Gott den Menschen mit seinem einzigen Sohn machte (3,16f.).

 

Johannes drei, Vers sechszehn – diese Formel wird uns am Fest der Kreuzerhöhung anvertraut. Mit dieser Formel hat sich dem Jungen eine Tür geöffnet. Das ist auch der Schlüssel, der jedem zeigt, dass er nicht planlos und hilflos durch die Strassen seines Lebens rennen muss. Er darf sein Leben voll und ganz bejahen, sowohl die schönen und bunten Seiten als auch die schweren und traurigen. Denn einer ist da, der die Welt in sein Herz geschlossen hat, auch mein ganzes Leben. Jesus ist alle Strassen unseres Lebens mitgegangen, weil Gott uns liebt. Oft rennen wir wie der Junge aus Tokio ziellos durch unser Leben und suchen Geborgenheit und Ruhe, Hilfe und Heilung, Gewissheit und Vertrauen. Auch da gilt das, was der Junge im Krankenhaus vor sich hingemurmelt hat: Johannes drei, Vers sechzehn – so sehr hat Gott die Welt geliebt.

Und immer wieder können wir füreinander so wie der Passanten sein, der dem namenlosen Jungen in Tokio ein Haus zeigt, wo Geborgenheit und Hilfe zu finden ist. Ja, wir können einander zum Leben helfen, wir können einander zeigen, dass keiner alleine durch seine Strassen rennt. Denn wir wissen den Grund, wir kennen das Passwort: Johannes drei, Vers sechzehn.

 

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Das Fest Kreuzerhöhung hat seinen Ursprung in Jerusalem: Dort war am 13. September 335 die Konstantinische Basilika über dem Heiligen Grab feierlich eingeweiht worden. Der 13. September war auch der Jahrestag der Auffindung des Kreuzes gewesen. Am 14. September, dem Tag nach der Kirchweihe, wurde in der neuen Kirche dem Volk zum ersten Mal das Kreuzesholz gezeigt („erhöht“) und zur Verehrung dargereicht. Später brachte man das Fest auch in Verbindung mit der Wiedergewinnung des heiligen Kreuzes durch Kaiser Heraklius im Jahr 628; in einem unglücklichen Krieg war das Kreuz an die Perser verloren gegangen. Heraklius brachte es feierlich an seinen Platz in Jerusalem zurück.