Als Franziskus auf die Bühne seiner Zeit kam, fand er eine Zeit vor, die dabei war, zwei entscheidenden Fundamente der weltlichen Zivilisation zugrunde zu legen: der Geldgebrauch und die Eigentumshäufung. Der Übergang vom 12. zum 13. Jahrhundert ist eine Zeit, in der unwiderruflich und von der ganzen damals aufsteigenden Gesellschaftsklasse jener Weg eingeschlagen wurde, auf dem wir als bürgerliche Menschen bis heute marschieren.

Alles begann damit, als Menschen in einigen europäischen Städten einen eigenartigen und bislang unerhörten Wunsch verspürten. Sie wollten nämlich wissen, wie spät es ist. Ein neues Zeitverständnis war aufgewacht. Die Zeit, in der man lebte, wird nämlich zu einer Zeit, aus der man etwas macht. Die menschliche Uhr wird erfunden und damit auch das Motto „Zeit ist Geld und Geld ist Macht“. Ein neuer Menschentyp betritt nun die Szene, nämlich der Bürger, der sich Eigentum schafft und durch Leistung ausweist. Statt die Welt wie bisher zu betrachten, macht er sich daran, sie zu erforschen und gewinnbringend zu beherrschen. Weil auch das Wissen Macht ist, werden die Universitäten gegründet. Es beginnt eine Zeit wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Blüte, mit expandierendem Handel und kräftigem Bevölkerungswachstum; auch in den Kreuzzügen, die die Christenheit führt, zeigt sich ja dieser Wille nach Bereicherung und Herrschaft. In dieser neuen Zeit nun, tritt Franziskus auf. Wie reagiert er darauf?

Franziskus stellt dieser Zeit die alte Praxis des Evangeliums entgegen. Ein kleiner, unscheinbarer, aber lebhafter Mann, ein schmächtiger, nervöser, mit viel Charme und abstehenden Ohren. Dieser Mann trägt ein sackartiges Gewand von schmutziggrauer Farbe, vielfach geflickt und mit einem Strick zusammengehalten. Barfuss geht er im Sommer und Winter, lebt von zusammengebettelter Nahrung, nächtigt in Scheunen und Höhlen. Seine Konstitution ist keineswegs robust, die Energie, die diesen Mann in Trab hält, sitzt mit Sicherheit nicht in den Muskeln. Sein Wille kommt eher aus der Verneinung alles dessen, was uns bürgerliche Menschen funktionstüchtig macht. Denn er verleugnet hartnäckig das Sammeln von Schätzen, das Sparen und Planen, die Klassenzugehörigkeit und das Prestigedenken, den Hunger nach Einfluss und Beherrschung. Bei ihm fehlen alle die Gefühle, die zu uns bürgerlichen Menschen gehören: die Gefühle des Neides und zugleich der verstohlenen Bewunderung für alle, die Erfolg haben. Und was vielleicht am erstaunlichsten ist: Er hat keinerlei Angst vor dem Tod. Er hat das erreicht, wovon wir alle nur träumen: ein Dasein, das furchtlos und dankbar in der Gegenwart lebt und sich unbefangen für alles öffnet, was ihm begegnet.

Bei alldem bleibt Franziskus ganz frei von revolutionärer Ungeduld und Schärfe. Er protestiert kaum ausdrücklich gegen die Missstände in Gesellschaft und Kirche, schürt keine Ressentiments, sucht nicht die Konfrontation. Er zeigt einfach und allein durch sein Dasein, dass es eine Alternative zu der bestehenden Gesellschaft und Lebenseinstellung gibt. Gegen das Gehabe der Herrschenden setzt er mit verwirrender Konsequenz den Jesus der Bergpredigt. Gegen die Verehrung des Geldes setzt er ein Dasein, das ohne privates Eigentum auskommt. Gegen die Gewalt der Kreuzzüge setzt er eine höchst offensive Friedfertigkeit. Gegen die Verhältnisse der Abhängigkeit und Unterwerfung von oben und unten setzt er die Haltung eines gegenseitigen Gehorsams, eine Ordnung der Güte, in der es keine Vorgesetzten mehr gibt. Er begrüßt Menschen mit den Worten: „Pace e Bene“ – „Frieden und Gutes“. Damit legt er den Menschen nah, sich im gemeinsamen Miteinander stets Frieden und Heil zu wünschen. Beides soll nicht nur die Beziehung der Menschen untereinander prägen, sondern auch die Beziehung von Mensch und Natur tragen.

Aus dem verwöhnten Sohn des frühbürgerlichen Vaters, der die Aussätzigen nicht riechen kann, wird er der Ausgesetzte, der an der Seite der Geringsten die Wahrheit der Seligpreisungen erfährt. Und anstelle der Moral der Aufsteiger und der Sieger versucht er eine Überzeugung zu leben, die in ihrer einfachen Logik beschämend, ja geradezu umwerfend ist. Nicht der Mensch ist der Herr der Zeit. Die Zeit hat bereits einen Herrn: Jesus Christus.

(von Hector Sanchez)