Auf ein Wort zur Osteroktav von Klaus Bruns

Liebe Gemeinde,

vor ein paar Tagen kam mir ein Zitat aus dem ersten Korintherbrief in den Sinn: „Seid, was eure Vernunft betrifft, doch nicht wie kleine Kinder, die nicht verstehen, was man ihnen erklärt! Im Bösen, darin sollt ihr unerfahren sein wie Kinder; in eurem Denken aber sollt ihr reife und erwachsene Menschen sein“ (1 Korinther 14,20). In dieser Zeit, um Ostern herum, werden wir vor viele Herausforderungen gestellt, sind aufgerufen vernünftig zu sein, uns und andere zu schützen, indem wir reif handeln.

Für mich heißt reifes Handeln in dieser Zeit, die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren, auch wenn ich sie nicht persönlich treffen kann oder gar persönlich kenne. Hoffnungszeichen zu senden, scheint mir dieser Tage, in denen unsere vormalige Normalität, in der wir uns über überfüllte Geschäfte, verfrühte Osterschokolade in den Discountern, Unterricht trotz schönstem Wetter, nicht ausgeräumte Spülmaschinen, Busfahrten ohne Sitzplatz und so vieles mehr aufregen konnten, plötzlich das erstrebenswerteste der Welt. Aber eben nicht des Aufregens wegen, sondern aufgrund der Freiheit all´ das ohne gesundheitliches Risiko tun zu können. Gleichermaßen wissen wir nicht, was noch passiert. Das, was wir jetzt vielleicht nicht nur einengend, sondern gar bedrückend finden, kann durchaus noch eine Zeit lang so weitergehen. Aber darin sind wir eben nicht allein. Es betrifft uns nicht nur alle, sondern verbindet uns im Getrenntsein. Ich empfinde es in dieser Zeit als besonders hilfreich, wenn möglichst viele nicht auf das schauen, was fehlt, sondern auf das zu blicken, was sie haben:

Ich muss nicht zu Hause bleiben, sondern darf und kann es, weil ich das Glück eines Zuhauses habe – vergessen wir nicht die Menschen, die weder Heimat noch ein Dach über den Kopf haben.

Ich muss keinen Abstand zu den Menschen halten, um ihre und meine Gesundheit zu schützen, sondern kann es – anders als diejenigen, die im Supermarkt, bei der Müllabfuhr, im Krankenhaus und anderen sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten. Vergessen wir nicht, dass auch sie persönliche Bedürfnisse haben, wie zum Beispiel einkaufen zu gehen, ihre Gesundheit zu schützen und sich um ihre Lieben zu kümmern.

Ich muss nicht auf persönliche Begegnungen verzichten, sondern kann über vielfältige Wege über Telefon, Internet oder Brief Kontakt halten und Menschen fragen, wie es ihnen geht.

Ich glaube, wir alle müssen nicht verzweifeln in der derzeitigen Lage, sondern können viel über uns und unsere Gesellschaft lernen. Dankbar sein, für das, was vorher unsere Normalität war ist das eine. Dankbar auf das zu schauen, was wir haben, statt neidvoll oder wehmütig auf das zu schauen, was wir trotz des Verlustes haben, eine andere. Auch diese Situation birgt viele Chancen. Chancen sich solidarisch zu zeigen. Zum Beispiel indem man Gutscheine beim lokalen Kleinunternehmen bestellt, statt bequem beim Großunternehmen zu bestellen, um dem Kleinunternehmen zu zeigen: ich habe deine Not im Blick.

Zum Beispiel, indem wir nicht aufhören, uns zu grüßen, wenn wir uns begegnen. Ein freundliches Lächeln kann den Handschlag durchaus ersetzen.

Zum Beispiel, sich im Supermarkt dankbar zu zeigen, für diejenigen, die eben nicht zu Hause bleiben können und mit einer kleinen Geste- zum Beispiel eine Packung Schokolade zu kaufen und der Kassiererin diese als Dankeschön und Anerkennung für das Supermarktteam zu geben – dafür, dass sie täglich mit Menschen in Kontakt treten muss. Es kommt glaube ich weniger darauf an, wie viel wir geben, sondern zu tun was wir können.  Auch in dieser Zeit dürfen wir die Frage stellen: Was würde Jesus dazu sagen? Ich könnte mir vorstellen, er führt folgendes Beispiel aus dem Lukas-Evangelium an:

Das Scherflein der Witwe
„Er blickte aber auf und sah, wie die Reichen ihre Gaben in den Gotteskasten einlegten. Er sah aber eine arme Witwe, die legte dort zwei Scherflein ein. Und er sprach: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr als sie alle eingelegt. Denn diese alle haben etwas von ihrem Überfluss zu den Gaben eingelegt; sie aber hat von ihrer Armut alles eingelegt, was sie zum Leben hatte“ (LK 21,1-4).

Zwei Scherflein, das ist im Gegenwert ungefähr ein Pfennig! Doch Jesus geht es um folgendes: diese Frau, gibt was sie kann, ist zufrieden mit dem was sie hat. Jesus rechnet nicht nach Summen oder gar Geld, sondern danach, was die Menschen tatsächlich im Verhältnis zu ihren Möglichkeiten, Gutes für ihr Umfeld tun. Im Verhältnis, können wir alle auf unsere Weise mithelfen, das Beste aus der jetzigen Situation zu machen, statt zu resignieren oder eben nur an sich zu denken. Manchmal reicht es schon, das schlechte auszuklammern, um das beste aus dem zu machen, was man hat. Social Distancing (Soziale Distanz) kann so durchaus zum Social D[ist]ancing (sozialen Tanzen) werden – auch für Tanzmuffel. Bleiben sie gesund und – auf welche Weise auch immer- miteinander verbunden.

Ihr Klaus Bruns, Pastoralassistent.