Kirchenführer St. Felizitas Lüdinghausen

von Dr. Carl Göllmann

heute eine Gemeinde von ca. 24.000 Einwohnern, liegt etwa 30 km südwestlich von Münster in Westfalen, im sog. Stevergau des alten Sachsenlandes. Der Stevergau umfaßt im wesentlichen das Gebiet des heutigen Kreises Coesfeld. Der Steverbach speist die Burggräben der Burg Vischering und Burg Lüdinghausen und fließt in drei Armen durch die Stadt.

Die Geschichte Lüdinghausens

Die Geschichte Lüdinghausens läßt sich bis in die Zeit Kaiser Karls d. Gr. (768-814) zurückverfolgen. Kaiser Otto 11. verlieh dem Ort im Jahre 974 das Markt- und Münzrecht - sein Bild steht heute auf dem Marktbrunnen -, und Ritter Hermann 11. von Lüdinghausen erhob 1308 eigenmächtig den Marktflecken zur Stadt. Dreihundert Jahre (1509-1802) stand diese unter der Herrschaft des münsterischen Domkapitels.

Die bekanntesten domkapitularischen Amtsherren waren Gottfried von Raesfeld, der (Wieder-) Erbauer der Burg Lüdinghausen (+ 1586), und der spätere Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen (+ 1678). Von 1815 bis 1975 war Lüdinghausen der Mittelpunkt des gleichnamigen preußischen Landkreises.

Die Anfänge der Pfarrei St. Felizitas

sind eng verknüft mit dem Wirken des hl. Liudger (Ludgerus), des ersten Bischofs von Münster (+809). Wenn dieser auch nicht der erste Glaubensbote im westlichen Sachsenland war, so hat er hier doch die Kirche gefestigt, besonders durch die Gründung der Urpfarreien, zu denen auch Lüdinghausen gehörte. Im Jahre 800 schenkten ihm ein gewisser Senelhard und dessen Schwiegersohn Walfried ihr Besitzrum. 

Diese Schenkung bot Liudger die Grundlage für die Errichtung einer Kirche und eines Pfarrhofes (Wedemhof). Um seine Gründung zu richern,  ermachte er das Anwesen dem Kloster Werden a. d. Ruhr, das er ja selbst gegründet hatte und wo er seine Ruhestätte fand. So wurde die Lüdinghauser Kirche eine sog. Eigenkirche der Abtei Werden. Die Äbte waren jahrhundertelang Lehnsherren von Lüdinghausen.

Das Patrozinium der Kirche

St. Liudger hatte sein Kirchlein dem ersten christlichen Märtyrer, St. Stephanus, geweiht. Felizitas aber ist eine römische Märtyrin, die wahrscheinlich im Jahre 162 unter Kaiser Marc Aurel mit dem Schwert hingerichtet wurde (nach einer anderen Version bereits unter Kaiser Antoninus Pius [138- 161]). In den römischen Christenverfolgungen starben auch sieben junge Blutzeugen ("Brüder") den Märtyrertod. Alle wurden in den Katakomben beerdigt. Felizitas war nicht die Mutter der Sieben, aber in dem Bericht über ihr Martyrium (Passio) und in der Verehrung des christlichen Altertums wurden sie zusammengefaßt. Dabei hat offensichtlich die alttestamentliche Erzählung von den sieben makkabäischen Brüdern und ihrer Mutter als Vorbild gedient.

Im Jahre 839 wurden Reliquien der hl. Felizitas von Rom (vielleicht auf dem Wege über Höchst a. M.) nach Vreden gebracht, wo das Geschlecht des Sachsenherzogs Widukind ansässig war (Translation). Von dort her wurde Felizitas im Münsterland bekannt, aber auch vom Kloster Werden kann ihre Verehrung nach Lüdinghausen gelangt sein (P Ilisch). Im Laufe der Zeit wurde dann das Patrozinium des hl. Stephanus verdrängt; Felizitas wurde die Hauptpatronin und ist es noch heute.

Das Äußere der Kirche

Die Felizitaskirche ist eine typisch westfälische, spätgotische Hallenkirche, wie sie noch bis weit ins 16. Jh. gebaut wurden. (Vgl. Münster: Lamberti und Überwasser; Coesfeld: Lamberti; Nottuln: Martini u. a.) Sie ist aus hellem, etwas gelblichem Baumberger Sandstein erbaut; doch ist er nicht besonders wetterfest und schon an vielen Stellen der Kirche ausgebessert worden.

Nach den Plänen Hertels wurde zunächst 1875 das Dach völlig umgebaut. Das ehemalige große und steile Ziegeldach überspannte als Satteldach die ganze Breite der Kirche und war erheblich höher als das jetzige Schieferdach mit seinen vielen Winkeln, Ecken und Kanten. Ein Langdach, das einen spitzen Dachreiter trägt, liegt jetzt in der Mitte über dem Hauptschiff der Kirche. Daran schließen sich im rechten Winkel nach beiden Seiten Querdächer an, die nach außen abgeschrägt sind (Walmdächer). Über der Chorpartie liegen die Seitendächer wieder parallel zu dem langen Mitteldach - eine komplizierte Dachkonstruktion.

Durch die Umbauten in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erhielt auch der Turm ein verändertes Aussehen. Der mächtige Bau hat vier Geschosse, die nach oben niedriger werden und sich verjüngen. Das untere Geschoß wird von dem Doppelportal und dem gewaltigen Westfenster beherrscht. Die großen Wandflächen des zweiten und dritten Geschosses sind durch Fensterverblendungen mit gotischem Maßwerk, das dritte Geschoß an seinen vier Ecken auch mit Figuren belebt. Im obersten Geschoß schließlich, das auf jeder Seite zwei Schallöffnungen hat, befindet sich der Glockenstuhl.

Der Glockenstuhl trägt 4 Glocken

Alexander-Glocke ist die größte. Ihr Durchmesser beträgt 1,25 m. Die Inschrift lautet: Dum trahor, audite, voco vos ad gaudia vitae, defunctos plango, vivos voco. St. Alexander vocor. Anno D. MCCCCC - Wenn man mich zieht, dann höret. Ich rufe euch zu den Freuden des (ewigen) Lebens. Die Toten beklage ich, die Lebenden rufe ich. St. Alexander heiße ich. Im Jahre des Herrn 1500.

Katharinen-Glocke hat einen Durchmesser von 1,17 m und folgende Inschrift: Sta Caterina by ych genät, geborä vä den heyde. Wan ych rope, so komet to hät, dat gy van gode nycht entscheyden. Anno D. MCCCCC- Sankt Katharina bin ich genannt, geboren von heidnischen Eltern. Wenn ich rufe, so kommet heran, daß ihr von Gott euch nicht trennt. Im Jahre des Herrn 1500.

Feizitas-Glocke mit einem Durchmesser von 0,96 m: Nomen campanae Sta Felicitas. - Sigrium dono choro, fleo funera, festa decoro. Sta Felicitas cum septem fifiis, Patrona ecclesiae in Ludinchuserl. Matth. Friedr. a Reck, praepositus Sti Mauritii, Dominus in Ludinchusen. A. Arnoldt Kappenberch me fecit. Anno 1686. - Name der Glocke: Sankt Felizitas. Ich gebe das Zeichen für das Chorgebet. Ich klage bei den Begräbnissen und verschönere die Feste. - St. Felizitas mit den sieben Söhnen, Patronin der Kirche in Lüdinghausen, Matth. Friedr. von Reck, Propst von St. Mauritz, Herr in Lüdinghausen. A. Arnoldt Kappenberch hat mich geschaffen. Anno 1686

Die vierteGlocke ist die kleinste (Durchmesser0,60m).Sie hat keine lnschrift.

Bei der Veränderung des Turmes wurde das Mauerwerk mit einer Galerie gekrönt. Diese ist stark betont durch die Balustrade, noch mehr durch zwölf mächtige Fialen und schließlich durch vier weit ausladende Wasserspeier. Hart unter der Galerie, über den Zifferblättern der Uhr, läuft rings um den Turm ein Fries von Vierpässen, der viele stabförmige Ausläufer nach unten hat. Die gleiche Ornamentik sehen wir auch am oberen Rand des zweiten Geschosses, hier aber nur auf der Westseite.

Auch der heute achteckige Turmhelm

entstand in den achtziger Jahren. Der Kupferbeschlag hat sich mit Grünspan überzogen. Auf der Ostseite hängen unter einem kleinen Dach die 2 Uhrglocken.

Noch in unserem Jahrhundert, in den Jahren 1909/10, wurden auf der Nordseite der Kirche eine Eingangshalle und auf der Südseite eine Kapelle angebaut. Dadurch wurde die Front der Kirche erheblich verbreitert. Früher bildeten die beiden Strebepfeiler rechts und links vom Turmportal,' die übereck gestellt sind, den seitlichen Abschluß. Das Turmportal hat zwei Türen, deren Oberschwellen mit kleinen Skulpturen verziert sind. Auch auf der Südseite hat die Kirche noch ein Portal; es ist mit einem Vorbau überdacht. Die meisten Kirchenbesucher benutzen jedoch die Eingangshalle auf der Nordseite. (Gleich daneben ist noch ein ehemaliger, jetzt vermauerter Eingang zu sehen.) Hier, zur Mühlenstraße hin, hat unsere Kirche einen zweigeschossigen Anbau, der den Eindruck erweckt, als habe sie ein Querschiff. In Wirklichkeit aber sind hier die Sakristei und die Orgel untergebracht. Die Sakristei wurde schon zweimal, zuletzt 1979, erweitert.

Das Innere der Kirche

Die Eingangshalle auf der Nordseite der Kirche erinnert an das Paradies im Dom zu Münster. Sie ist ein halbsakraler Raum und hat die Funktion, den Besucher der Kirche auf den Eintritt in das Gotteshaus einzustimmen. Hier kann er Weihwasser nehmen, eine Erinnerung an das Taufwasser, und sich segnen. Hier soll er sich sammeln zum Gebet. In den Fenstern liest man das Jahr der Erbauung: Anno Domini 1909. Vier sitzende Figuren, die vier lateinischen Kirchenväter: Ambrosius, Augustinus, Hieronymus und Gregor d.Gr. auf hohen Konsolen, zieren die Wände.

Wenn man das Innere der Kirche betritt, wird man sogleich von dem hohen, lichten Raum beeindruckt. Der Eindruck einer großen Halle entsteht besonders dadurch, daß die Seitenschiffe nur durch schlanke Rundpfeiler vom gleich hohen Mittelschiff getrennt sind und der Turm in den Kirchenraum miteinbezogen ist und sich hier nach drei Seiten öffnet. Das trägt sehr zur Vergrößerung des Raumes bei. 

Der Turm ruht auf zwei mächtigen Rundpfeilern und zwei Dreiviertel-Pfeilern, die mit der Westwand verbunden sind, das Turmjoch schließt mit einem weitgespannten Sterngewölbe ab. Die Gewölberippen tragen vier runde sog, Zierscheiben mit den Wappen der Adelsfamilien von Raesfeld, Merveldt, Homoet und Ketteler, die offenbar den Bau der Kirche besonders gefördert haben.

Die zwei Pfeiler fallen wegen ihres Umfangs (7,42 m) besonders ins Auge. Sehr beachtenswert sind die Inschriften auf dem südlichen Pfeiler. Sie berichten von fünf großen Stadtbränden in den Jahren 1568, 1594, 1619, 1692 und 1832 sowie von der Baugeschichte des Turmes. Die älteste Inschrift ist die dritte von oben mit den großen gotischen Buchstaben. Sie spricht von der Grundsteinlegung des Turmes am Tage nach Fronleichnam 1515: "MCCCCC ün XV des nesten dages na des hylgen sackermetes dach do wort de erste sten to dussen tarn gelacht" ' Dasselbe sagt auch die Inschrift gleich darüber in modernen Buchstaben. Die Vollendung des Turmes (und damit auch der Kirche) wird für 1558 angezeigt. Geschichtlich interessant ist die Bemerkung, daß unter der "DOPEREI" (Wiedertäuferunruhen in Münster 1534/35) die Arbeiten am Turm lange stillagen. Hier ist die Inschrift durch die Befestigung eines Wandleuchters beschädigt worden. (Zwölf neuere sog. Apostelleuchter sind jetzt an den Wänden der Kirche angebracht.) Die Inschriften am nördlichen Pfeiler beziehen sich auf die Opfer des Zweiten Weltkrieges und den Bau der Ludgerikirche.

Das große Westfenster

über dem Hauptportal stellt das Weltgericht dar: Christus und Maria in der Mitte, im Halbkreis über ihnen die zwölf Apostel, oben Engel mit den Leidenswerkzeugen Christi, unten Engel mit den Posaunen des Gerichtes und solche im Kampf mit den Teufeln und schließlich ganz unten rechts die Verdammten, links die Seligen, bei diesen auch die Stifterin des Fensters in einem blauen Kleid.

Unter dem Turm, steht auf hoher Säule eine kleine, dunkle Holzfigur der Kirchenpatronin St Felizitas mit den sieben Brüdern, wahrscheinlich eine niederrheinische Arbeit aus der ersten Hälfte des 16. Jh. Die Heilige ist in langem Gewand als Märtyrin mit Schwert und Palme dargestellt. Auf dem Haupt über dem Schleier trägt sie ein Diadem. Zu beiden Seiten, eng an sie angeschmiegt, stehen die sieben Brüder. Der barocke, silberne Rahmen, der jetzt die Figur umgibt, diente einst am Altar als Ostensorium bei der Aussetzung des hlst. Sakramentes.

Die Seitenkapelle

Eine ebenso große, steinerne Felizitasfigur in einer lebendigen Haltung steht in einer Wandnische der benachbarten Seitenkapelle. Vor dem Eingang der Kapelle ist die Holzplastik einer Pietä, ein Vesperbild, aufgestellt. Es ist bezeichnet mit: "G. Brux fec. Cleve 1911". Der Innenraum der Kapelle hat ein zweijochiges Gewölbe. Die Gewölberippen enden über kleinen Figuren, die menschliche Leidenschaften (Habsucht, Trunksucht u.a.) versinnbilden - eine Spielerei der Steinmetzen. Die Kapelle ist mit einem schlichten Altar ausgestattet, dessen schmiedeeiserner Fuß einmal als Türfüllung einer Kommunionbank diente. Der vor der Rückwand der Kapelle aufgestellte Altar - die Mensa ist unter das Retabel verschoben - war einst ein Nebenaltar der Kirche, ein Marienaltar als Gegenstück zu einem Josefsaltar. Das Mosaik stellt die Krönung Mariens dar. Die Fenster in der Rückwand der Kapelle zeigen eine Szene aus dem Leben der hl. Elisabeth und daneben das Martyrium der hl. Katharina. Dieses Motiv ist auch auf einem Ölbild an der Seitenwand dargestellt. Das Pendant zu diesem Bild ist eine Darstellung der Himmelfahrt Mariens.

Die 6 Mittelschiffjoche

sind mit Sterngewölben ausgestattet, während die Seitenschiffe mit einfachen Kreuzrippengewölben abschließen. Wie ein ausgespannter Schirm breiten sich in jedem Joch des Mittelschiffs die Gewölberippen und -kappen aus. In dem Schlußstein eines jeden Sterns kreuzen sich die beiden Diagonalrippen, die zusammen vier große Gewölbekappen bilden. Außerdem kreuzen sich in den Schlußsteinen je eine kürzere Längs- und eine Querrippe, die sich beide zu den Pfeilern hin teilen, so daß in den vier Gewölbekappen je ein Dreipaß entsteht. Abgesehen von den breiteren Schildbögen, laufen im Mittelschiff je sieben Rippen und in den Seitenschiffen je drei Rippen auf den Pfellerkapiteilen zusammen. Dabei werden sie unten so eng zusammengedrängt, daß jeweils zwei, meistens die Diagonalrippen, plötzlich abgeschnitten sind und in einer sog. Zwickelblase enden.

An zwei Schlußsteinen im Gewölbe des Mittelschiffes hängen tief herab je ein Kronleuchter aus Messing mit zahlreichen Kerzen, zwei wahre Schmuckstücke der Kirche.

Die Architektur des Raumes wird dadurch betont, daß die Kapitelle, Bögen und Rippen durch die Farben Rot und Gold hervorgehoben sind. Rot sind die Hohlkehlen, golden die Kanten. Außerdem korrespondiert das Rot im Gewölbe mit dem Rot des Fußbodens, so daß das Ganze eine großartige Wirkung erzielt. - Bei der Renovierung im Jahre 1979 entdeckte man unter dem verschmutzten Anstrich des Gewölbes alte Freskomalereien (Blumengewinde), die siebenmal überstrichen sind. Nur ein Zwickel im südlichen Seitenschiff und eine kleine Stelle im Turmgewölbe wurden freigelegt. Damals wurde auch der Fußboden der Kirche neu verlegt.

An den langen und hohen Seitenwänden der Kirche, die durch die Fenster und Dienste harmonisch gegliedert sind, wurden im 19. Jh. Kreuzwegbilder, im frühen Nazarenerstil und mit dezenter Farbe koloriert, und Mettlacher Fliesen (mit Ornamenten) angebracht.

Die Glasmalereien

der meist dreiteiligen, gotischen Maßwerkfenster stammen aus verschiedenen Jahrzehnten des 19. und 20. Jh. und sind in Form und Farbe sehr unterschiedlich. Die meisten Fenster wurden vom Kunstmaler Stummel, Kevelaer, entworfen und von W. Derix, Goch, um das Jahr 1900 ausgeführt. In den Fenstern der Südseite sind in lateinischer und deutscher Sprache die Seligpreisungen Jesu zitiert und mit Szenen aus dem Leben mehrerer Heiligen illustriert. Es sind die hll. Franz von Sales, Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, Monika und Augustinus, Karl Borromäus und Aloisius, sowie Vinzent von Paul.

Auf der Nordseite zeigt das Ludgerusfenster den Heiligen als Missionar und Bischof bei der Predigt im Sachsenland und darunter die Oberführung seines Leichnams durch Lüdinghausen nach Werden.Irn nächsten Fenster (zur Orgel hin) ist das Abendmahl dargestellt, darunter die drei hll. Thomas v. Aquin, Antonius v. Padua und Klara. Dieses Fenster ist der Erinnerung an Vikar Anton Spöde (t 1897) gewidmet, der lange in Lüdinghausen wirkte. Sein Bild und Name sind beigefügt. Dann folgt noch ein Fenster mit zwei biblischen Szenen, der Aussendung der Apostel ("Gehet hin in alle Weit" - Mt 28,16-20) und der Übertragung des Hirtenamtes an Petrus ("Weide meine Lämmer" -Joh 21,15-17).

Die Orgel

wurde bald nach der Jahrhundertwende von der Firma Stahlhut, Aachen, gebaut und später verändert. Im Laute der Jahre war sie so verschlissen, daß ein Neubau notwendig wurde. Die jetzige Orgel wurde im Jahre 1983 von der Firma A. Führer, Wilhelmshaven, erstellt. Das noch brauchbare Material der alten Orgel wurde in die neue übernommen. Auch der Orgelprospekt ist noch der alte. Das neue Werk hat 41 Register, drei Manuale und Pedal, eine mechanische Spiel- und eine elektrische Registertraktur. Laudate Dominum in chordis et organo! (Ps 150,4).

Der Chor mit 5/8-Abschluß ist eine geradlinige Fortsetzung des Mittelschiffs, der aber viel breiter wirkt, weil er nach beiden Seiten offen ist. Die elf Fenster der ganzen Chorpartie sind in Gestaltung und Farbgebung nicht einheitlich. Nach schweren Kriegsschäden sind sieben Fenster völlig neu geschaffen worden. Im Blickfeld der Kirchenbesucher stehen besonders die drei mittleren Chorfenster. Sie sind stark abgedunkelt, haben aber doch kräftige Farben. In ihrer Mitte ist Christus zweimal dargestellt, als der Gekreuzigte und der Auferstandene. Unter dem Kreuze stehen rechts Maria und Johannes, links ein Engel, der in einem Kelch das Blut aus der Seitenwunde Jesu auffängt. Die Kreuzesbalken sind schwach zu erkennen, deutlich ist der Titulus zu lesen: INRI. Der Auferstandene zeigt die Wundmale an Händen und Füßen. Als Zeugen der Auferstehung sind ihm Petrus, Maria Magdalena, Johannes und drei Apostel zugesellt. Diese drei Chorfenster sind in Entwurf und Ausführung ein Werk von W. Rengshausen, Lünen.

Am Ende des nördlichen Seitenschiffs (rechts von der Orgel), wo jetzt eine kleine Pietä aus Holz, ein barockes Vesperbild aus dem 17. Jh., aufgestellt ist, sind noch die alten Fenster erhalten, und zwar ein dreiteiliges, das Joachim und Anna, die Eltern Marlens, von einem Engel behütet, lebensgroß darstellt, und zwei zweiteilige mit sechs Szenen aus dem Marienleben: Darstellung Mariens (Mariä Opferung), Mariä Verkündigung, Heimsuchung, Hl. Drei Könige, Kreuzabnahme und Tod Mariens. Auch das Felizitasfenster (hinter dem Sakramentshäuschen) hat den Krieg überlebt. Es zeigt die Kirchenpatronin mit den sieben Brüdern, die mit Namen genannt werden: Januarius, Felix, Philippus, Silvanus, Alexander, Vitalis und Martialis. Das Gegenstück des Felizitasfensters auf der rechten Chorseite ist kaum erwähnenswert. Hier ist in das neue Fesnter ein altes Bild des hl. Liudger wiedereingesetzt worden.

Die zweiteiligen Fenster im südlichen Seitenschiffabschluß stellen in den dominierenden hellen Farben Grün, Blau und Rot sechs Szenen dar: Maria und Josef, die Hl. Familie und Josef als Schutzpatron der christlichen Familie. Auch diese Fenster sind von W. Rengshausen entworfen und ausgeführt.

Das moderne Fenster über dem Südportal

aus den fünfziger Jahren weicht in seinen Formen und Farben stark von den übrigen Fenstern ab. Der Entwurf stammt von Erich Feld (Köln), die Ausführung von Dr. Heinrich Oitmann (Düsseldorf). Dieses Fenster ist eine Stiftung der Familie Graf Droste zu Vischering. Die Burg Vischering ist in der unteren rechten Ecke abgebildet. Der Gegenstand des Glasgemäldes ist schwer zu erkennen: Jesus und der Lieblingsjünger Johannes. Die Darstellung erinnert an die Abendmahlszene im Johannesevangelium (13,23): "Einer seiner Jünger lag an Jesu Brust - der, den er besonders lieb hatte!' Wir sehen: Johannes neigt sich tief zu Jesus hin, und Jesus faßt mit seiner Rechten Johannes um die Schulter und zieht ihn förmlich an sein Herz. Diese und andere Stellen des Johannesevangeliums wirkten in der Geschichte der Frömmigkeit, speziell in der Christusmystik, mit zur Entstehung und Entfaltung der Herz-Jesu-Verehrung.

Wenn nun die Familie Graf Droste zu Vischering dieses Motiv "Johannes an der Seite Jesu" für das Fenster in der Felizitaskirche wählte, so ist das auch eine Erinnerung an die selige Maria Droste zu Vischering, die eine große Verehrerin des hIst. Herzens Jesu war und als Ordensfrau den Namen "Schwester Maria vom Göttlichen Herzen" trug. Sie starb 1899 im Kloster vom Guten Hirten zu Porto in Portugal.

An den Wänden zwischen den Fenstern der Chorpartie sind elf Heiligenfiguren auf Wandkonsolen postiert. Im mittleren Chorabschluß sind es die vier Evangelisten, erkennbar an ihren Federn und Büchern, die sie in den Händen tragen. Die übrigen Heiligen sind willkürlich ausgewählt: auf der Nordseite wohl Joachim und Anna und eine Lourdes-Madonna, auf der Südseite eine Felizitasfigur, die durch ihre Plazierung auf der Chorecke und durch ihren hohen Baldachin besonders auffällt, und weiter die hll. Josef, Antonius v. Padua und Elisabeth.

Nun wenden wir uns dem Altar zu

dem liturgischen Zentrum der Kirche. Im Jahre 1654 hatte unser Gotteshaus einen großen Barockaltar erhalten, dessen Rückwand in zwei Stockwerken bis zum Gewölbe der Kirche hinaufreichte. Den Mittelpunkt bildete das Altarblatt, ein großes Ölgemälde der Kreuzigung Christi, das der Rubensschule zugeschrieben wird und jetzt unten in der Kirche hängt. Es war von je -zwei Säulen flankiert, zwischen denen die Statuen der hll. Paulus und Liudger standen. Zu diesem Altar paßten eine mit Schnitzwerk versehene, barocke Kanzel und ein altes Chorgestühl. Die ganze Barockausstattung fiel der neugotischen Umgestaltung des 19. Jh. (Purismus) zum Opfer. Der folgende, 1875 errichtete Hochaltar ist ein Werk des schon erwähnten Baumeistes Hilger Hertel. Er dient heute nur noch der Aussetzung des hlst. Sakramentes. Der "neugotischen" Zeit gehören auch die heutigen Chorstühle und die Kanzel an.

Der jetzige Zelebrationsaltar - auf dem ursprünglichen, um drei Stufen erhöhten Niveau - wurde 1983 aus dem Material ehemaliger Seitenaltäre neu geschaffen und am 24. April 1983 feierlich konsekriert. Seine quadratische Altarplatte (Mensa) ruht auf einem vierseitigen Fuß (Stipes) und vier kleinen Säulen. Auf der Vorderseite des Fußes ist eine Kreuzreliquie, deren Herkunft unbekannt ist, angebracht. Sie ist in Silber gefaßt und auf einem Kreuz von Eberlholz befestigt. - Das große, würdige Altarkreuz hängt vom Gewölbe herab. Es war ursprünglich ein Vortragekreuz und wird einer rheinischen Schule um 1520 zugeschrieben.

Sehr beachtenswert ist das kunstvolle Tabernakel

ein sechsseitiges, gotisches Sakramentshäuschen (turris) aus Baumberger Sandstein. Es ist ein Werk des münsterischen Steinmetzen Bernd Bunickman (um 1550), der viele Tabernakel dieser Art geschaffen hat (Senden, Marienfeld, Wiedenbrück, Lippstadt, Soest, Recklinghausen u.a.). Das reichgegliederte Gebilde ruht auf sechs wappenhaltenden Löwen, ist sechsseitig aufgebaut und reicht, nach oben spitz zulaufend, bis in das Gewölbe der Kirche. Der Innenraum des Tabernakels ist auf vier Seiten durch Gitter verschlossen. Auf der Spitze trägt das Tabernakel einen Pelikan, der seine Jungen mit dem eigenen Blut ernährt - das Symbol des eucharistischen Christus.

Der Taufstein, das älteste Stück in der Kirche

steht seit einigen Jahren vorne im südlichen Seitenschiff. Zum Taufstein gehört das silberne Taufgerät (Schale, Kanne, Ölgefäß), das in einer Wandnische aufbewahrt wird; ebenso als Wandschmuck eine sog. Johannesschüssel, die an das Martyrium des Täufers erinnert (Mt 14,11). Der runde Taufstein dürfte etwa aus der ersten Hälfte des 13. Jh. stammen. Er ist oben mit einem Blattfries, unten mit einem Profil verziert; die Eisenreifen sollen den Stein vor Sprüngen bewahren. Die altertümlichen Schlösser und der kegelförmige Deckel wurden um die Jahrhundertwende vom Lüdinghauser Kunstschmied Alex Weischer geschaffen. Auch die Löwen, die den Stein tragen, sind neueren Datums.

Der Deckel des Taufsteins ist überreich mit Ranken und Blattwerk verziert sowie mit den Namen und Symbolen der vier Paradiesesströme und der vier Evangelisten versehen. Die vier lateinischen Verse (Hexameter) lauten: Os mutans Phison est prudenti simulatus. Temperiem Geon terrae designat hiatus. Est velox Tigris quo fortis significatur. Frugifer Eufrates est iustitiaque notatus. Phison, der "den Mund verändert", wird mit dem Klugen verglichen. Geon, "Schlund der Erde", bezeichnet die Mäßigung. Tigris, "der Schnelle", versinnbildet den Tapferen. Euphrat, "der Fruchtbringende", ist durch die Gerechtigkeit gekennzeichnet.

Hier werden die Namen der vier Paradiesesströme mit den vier Kardinaltugenden Klugheit, Mäßigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit verknüpft eine schwer verständliche allegorische Deutung der Paradiesgeschichte (Genesis 2,11 -14), Diese Art der Bibelerklärung war im Altertum beliebt. Wasser ist ein Lebenselement. Unser Taufbrunnen hat darum fließendes Wasser. Wie das Wasser des Paradieses der Erde Fruchtbarkeit verleiht, so soll das Taufwasser dem Täufling die sakramentale Gnade vermitteln.

Carl Göllmann

Schriftturn: H. Börsting, Geschichte des Bistums Münster. Bielefeld 1951. - h. Börsting und A. Schröer, Handbuch des Bistums Münster, 1946. - G. Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Nordrhein-Westfalen, 2. Band: Westfalen, 1969. - P. Ilisch, Das Felizitaspatrozinium in Lüdinghausen. Anmerkungen zur Felizitastranslation 839. Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld, 1986. - A. Ludorff, Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Lüdinghausen. Münster 1893. - St. Schnieders, Lüdinghausen. Aus dem Leben einer kleinen Stadt. Festschritt zum Stadtjubiläum 1308-1958. Lüdinghausen 1958. - J. Schwieters, Geschichtliche Nachrichten über den westlichen Theil des Kreises Lüdinghausen. Münster 1891.

Fotos: S. 2 Staatsarchiv Münster; S. 3 Prof. Berghaus, Münster; alle anderen Aufnahmen Gregor Peda, Passau.

Rückseite: Sechsteitiges Westfenster

Schnell, Kunstführer Nr. 1685 Erste Auflage 1988

Diese Reihe "Kleine Kunstführer" durch Kirchen, Schlösser und Sammlungen im mitteleuropäischen Kulturraum kann beim Verlag abonniert werden. Begründet von Dr Hugo Schnell t und Dr. Johannes Steiner. Verlegerische Betreuung Josef Fink.

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